Feedback first – offene Kritik braucht Mut

Janis McDavid, Speaker, Motivationstrainer, Keynote

Jeder Mensch hat (s)eine Dosis Selbstzweifel. Einige Menschen eine gesunde Selbstreflektion. Und nur wenige Menschen kommen in Frage, wenn es um das Thema Kritik bzw. Feedback geht. Sich einer äußeren Beurteilung zu stellen erfordert Mut – genauso, wie eine abzugeben. Was also ist der gröbste Fehler, den wir bei Feedback machen können?

Stell dich. Nicht an​. 

Als mir der Mentaltrainer Thomas Baschab vorschlug, beim nächsten großen Mental-Coach-Treffen gute 1,5 Stunden Bühnenzeit zu geben, weil er neugierig darauf sei, mich live als Speaker zu erleben, war ich zunächst erfreut. Wir hatten schon länger nach einem Termin Ausschau gehalten, an dem er zu einem meiner Vorträge kommen könnte, doch unser beider Kalender wollten keine Schnittstellen preisgeben. Nun also! Sein Nachsatz erdete mich augenblicklich: „Die einzige Bedingung, die ich daran stelle ist, dass ich dir anschließend ein Feedback geben darf. Ganz und gar offen. Das kann vielleicht schmerzhaft sein und deshalb möchte ich vorher dein Okay dazu." Trotz innerem „Uff" war die Antwort klar: „Deal!"  

Feedback vs. Kritik 

Während Kritik mittlerweile ein eher schlechter Ruf voraus eilt, spricht man bei Feedback gar von Feedbackkultur und verbindet es mit Attributen wie konstruktiv, lösungsorientiert oder zukunftsweisend. Dabei sind die Grenzen zwischen Kritik und Feedback fließend bzw. am Ende zählt ohnehin nur eins: will dich jemand mit seiner Rückmeldung vernichten oder fördern? Kritik ist nicht per se zerstörerisch oder schlecht bewertend, so wenig wie ein Feedback automatisch bereichernd ist. Mein kurzer Spannungszustand auf Thomas Baschabs Vorschlag fußt nämlich schlicht auf sehr unschönen Feedback-Erfahrungen, in denen außer Demontage, Demotivation und Abwertung nicht viel enthalten war.  

3 Faktoren für gutes Feedback 

Feedback ist für das persönliche Wachstum und Reifen deshalb so großartig, weil wir alle mindestens einen „blinden Fleck" haben. Etwas, was wir auch mit guter Selbstreflektion nicht wahrnehmen können; wo der Blick von außen, von jemandem, der im besten Sinne ein Mentor/Lehrer/Trainer ist, eine Weiterentwicklung fördert und leichter macht. Das Feedback selbst muss keineswegs immer leicht oder leicht bekömmlich sein. Es gibt immer blinde Flecken, die anzusehen erst einmal unangenehm ist. Drei wichtige Faktoren sorgen jedoch dafür, dass der Erkenntnis-Schmerz sich lohnt und zum echten Entwicklungsmotor wird.­­

  1. Gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung
  2. Konstruktive Rückmeldung zur Sache
  3. Konstruktives Aufzeigen von Veränderungsansätzen und/oder –strategien

Sinnvolles Feedback erfordert die Motivation, den anderen besser und stärker machen zu wollen und nicht, Schwächen bloßzustellen oder Schuldzuweisungen für Fehler zu machen. Gute Lehrer bzw. Mentoren erkennt man daran, dass sie ihre Schüler motivieren über sich selbst und vor allem über sie hinauszuwachsen.
Prüfe deine ehrliche Bereitschaft, auch unangenehme Wahrheiten anzuhören und anzunehmen.

Aus Uff mach Huch 

Natürlich hatte ich Schiss gehabt vor der Vortragssituation bei Thomas. Natürlich spielte das auf der Bühne keine Rolle mehr, weil es in diesem Moment immer nur eins gibt: das Publikum und mich und die Verbindung zwischen uns. Mein Herzklopfen aber setzte zuverlässig wieder ein, als Thomas mich dann zur Seite nahm. Ich hörte seine Worte wie in Slow Motion, so verzerrt war mir der Augenblick durch den Adrenalinpegel. Ich erwartete alles, wirklich alles, nur eben diesen einen Satz nicht: „Janis, es gibt von meiner Seite keinen einzigen Punkt, der einen Verbesserungsvorschlag braucht! Es war top." Huch? Huch!  

Ausgelernt, oder was​? 

Ganz besonders im vergangenen Jahr und auch in den Monaten zuvor, habe ich mich sehr bewusst bei bestimmten Menschen und Mentoren einem Feedback unterzogen. Thomas Baschabs Antwort war für mich insofern nicht der Hinweis, dass ich keine Verbesserung mehr brauche oder „ausgelernt" habe, sondern dass ich in puncto Selbstentwicklung auf dem richtigen Weg bin. Weil ich Selbstreflektion mit bewusst gewähltem Feedback verknüpft, und mich den daraus resultierenden Aufgaben gestellt habe. Dass, was es gegenwärtig zu verbessern gab, hatte ich verbessert. Mit Thomas Feedback holte ich die Ernte der vorangegangenen Prozesse ein.  

Wähle nicht weich sondern weise 

Wenn du Feedback nutzen möchtest, um deine blinden Flecken zu erkennen und dich weiter zu bringen, dann achte darauf, dass du dafür Menschen wählst, die Kompetenz und wirkliche Ahnung haben von dem Bereich, in dem du Feedback wünschst. Sie sollten Mentoren im oben beschriebenen Sinn sein und dein Wachstum wollen! Für dich selbst prüfe deine ehrliche Bereitschaft, auch unangenehme Wahrheiten anzuhören und anzunehmen. Kritik bzw. Feedback ist ein reiches Geschenk, wenn sich Selbstwertschätzung und Fremdwertschätzung (> Vergleichsweise wertvoll) in aller Offenheit begegnen können und dürfen. Beide Seiten brauchen Mut und Menschenliebe.

Magst du verraten, wer dir aktuell Feedback gibt und was daran für dich besonders wertvoll ist? Ich freue mich auf die Antwort.


Du spielst doch (k)eine Rolle!
Von alten Ägyptern, echten Begegnungen und aufdrin...

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Sonntag, 31. Mai 2020

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